Montréal 2016 – Ein Erfahrungsbericht

Im folgenden Bericht für intercrosse.de, schreibt der Langenberger Spieler Philipp Ruckdeschel (27) über seine Erfahrungen und Eindrücke auf den beiden größten Intercrosseturnieren Ende Juli in Kanada und zieht ein persönliches Fazit:

PosterOptDie ersten FIIC World Championships und die diesjährigen World Games und fanden vom 22. Juli bis zum 30. Juli im Collège Jean-de-Brébeuf in Montréal, Québec, statt. An den World Championship nahmen insgesamt 3 Nationen teil, im Wettkampf der Herren 5 Mannschaften und im Wettkampf der Frauen 3 Mannschaften. (Anmerkung der Redaktion: Bei den World Championships handelt es sich nicht um den offiziellen FIIC World Cup. Das Turnier wurde von den Organisatoren als eine Art Ersatz- bzw. Alterwettbewerb zu den offiziellen Weltmeisterschaften ins Leben gerufen.)

An den nachfolgenden World Games nahmen ca. 65 Spieler aus 6 verschiedenen Nationen teil, darunter Schweden, Deutschland, Frankreich, Schweiz, Tschechen und Québec. Gespielt wurden in
zwei verschiedenen Hallen mit den Maßen 20 m x 36 m. Die Haupthalle war klimatisiert, die Nebenhalle (Zweithalle) wurde mit Ventilatoren belüftet.

World Championship
Die World Championships starteten mit einer kleinen Zeremonie in einem Speisesaal im Collège Jean-de-Brébeuf. Von einem Caterer wurden kleine Häppchen gereicht und es gab einen Getränkestand mit Bier und Wein für 2$ und andere Getränke für 1$ (alles in Dosen). Bei der Präsentation seitens der Organisatoren wurden alle Verantwortlichen des Turniers vorgestellt und alle wichtigen Informationen mitgeteilt. Die Präsentation fand sowohl auf Französisch als auch auf Englisch statt. Hauptorganisator des gesamten Turniers (WC + WG) war Benoit Boucher.

Jeden Tag wurden drei Mahlzeiten in der hausinternen Kantine gestellt. Qualität und Geschmack waren ungefähr auf dem Niveau deutscher Kantinen oder Mensen. Sollte einem dies von der Menge oder der Qualität nicht genügt haben, konnte man abends noch in eine zu Fuß erreichbaren Bar gehen. Dort erhielt man als Teilnehmer an den World Championship und World Games 15% Rabatt auf das Essen und 2$ Ermäßigung auf Pitcher, 2 Liter Gefäße mit Bier. Die Bar war an fast jedem Abend der Anlaufpunkt für einen Großteil der Turnierteilnehmer, so, dass wir meist mit ca. 50 Leuten vor Ort waren.

Am Wettkampf der Herren nahmen zwei Mannschaften aus Québec, eine französische und eine tschechische Mannschaft, sowie ein Mixteam aus Québec und zwei europäischen Torhütern teil („Euroquebec“). Nach einer Vorrunde, in der jeder gegen jeden gespielt hat, spielten in der zweiten Runde die beiden letztplatzierten, sowie die drei ersten Plätze erneut gegeneinander. Der nun drittplatzierte spielte erneut gegen die beiden letztplatzierten und die beiden ersten ein Finale. Somit hatten die Teams zwischen 6 und 8 Spiele insgesamt.

Endplatzierungen – World Championship 2016 (Herren)

1. Tschechien
2. Québec 1
3. Québecc 2
4. Frankreich
5. Euroquebec

Im Damenwettkampf stellten sowohl Quebec als auch Tschechien jeweils ein Team. Ergänzt wurde der Wettkampf durch ein Mixteam aus deutschen (1), französischen (2) und kanadischen Spielerinnen (9). Die Teams hatten insgesamt acht Spiele und spielten während des gesamten Turniers eine Gruppenphase, also jeder gegen jeden.

Endplatzierungen – World Championship 2016 (Damen)

1. Tschechien
2. Québec
3. Euroquebec

Alle Spiele der Haupthalle wurden über einen Youtube-Kanal (Intercrosse Quebec) live übertragen und lassen sich im Nachhinein noch anschauen.

Mein Resümee
Ich bin schwer erschüttert über die Art und Weise, wie unser Sport dort gespielt wurde. Was auf dem Feld während der Spiele zwischen Québec und Tschechien, bzw. Québec untereinander, stattfand hat meiner Meinung nach nichts mit Intercrosse gemein. Die Tschechen waren läuferisch und technisch klar überlegen, die Kanadier versuchten dies mit vielen Blöcken und sehr guten Torschüssen auszugleichen. Dies ist zunächst nicht verwerflich, aber leider wurde körperlich sehr hart gespielt, teilweise dreckig und unfair. Es lassen sich im Nachhinein viele Situationen finden, in denen mit der Schulter voran in den Verteidiger geprescht, an den Spielern gezogen oder diese geschubst wurden.

Die Folge davon waren sehr früh in dem Turnier viele leichte Verletzungen und teilweise schwere Verletzungen. Ein Spieler aus Kanada war bereits nach dem zweiten Tag spielunfähig und wurde ins Krankenhaus gefahren. Ich habe vor Ort mit verschiedenen Spieler aus Europa gesprochen und alle sahen es ähnlich wie ich, dass die Spiele extrem hart geführt wurden. In Gesprächen mit Kanadiern aus meinem Team bekam ich den Eindruck, dass diese Art zu spielen für die Jungs nicht übertrieben, sondern bei so engen Spielen völlig normal ist. Dies hat mich sehr bestürzt, da ich Intercrosse als kontaktlosen und überaus fairen Sport kennen und lieben gelernt habe.

Das Schiedsrichterteam aus vier Kanadiern und dem Tschechen Zdenek Sedmik war meiner Meinung nach in vielen Fällen überfordert. Auch wenn Zdenek ein guter Schiedsrichter ist, so hat er sich häufig dem dort herrschenden Tenor angepasst. So wurde das enorme Maß an Körperkontakt nicht unterbunden, sondern galt als völlig normal. Mir schien es auch so, als ob es keine Offense Fouls in der Interpretation der Schiedsrichter gegeben hat. Bei einem Kontakt, selbst bei für mich offensichtlichen Offense Fouls, wurde dem Verteidiger die Schuld gegeben, was dann einen Penalty zur Folge hatte.

Darüber hinaus wurde extrem penibel auf den 2-Meter-Radius in der Defense geachtet. Setzte ein Angreifer an der Mittellinie zum Sprint an, der Verteidiger somit natürlich auch, stoppte der Angreifer häufig kurz darauf und lief zurück zur Mittellinie. Hat der Verteidiger dabei nur knap den 2-Meter-Radius überschritten, wurde sofort Vorteil für den Angreifer gegeben und der Angriff mündete dementsprechend in einem Penalty. Durch diese Interpretation der Regeln kam es zu Beginn zu regelrechten Wettkämpfen im Penaltyschießen und nicht zu schönen Intercrosse Spielen. Nachdem ich Martin Cloutier darauf angesprochen habe, besserte sich die Situation ein wenig. Dennoch waren auch die Tschechen und die Franzosen mit der Schiedsrichterleistung des gesamten Turniers unzufrieden.

Ich bin, trauriger Weise, froh, dass wir keine deutsche Mannschaft zu diesem Turnier geschickt haben. Wir sollten uns, auch und gerade zum Schutz unserer Spieler, ganz genau überlegen, ob wir 2018 an den World Championship teilnehmen wollen. Als schönen positiven Eindruck, nach diesen ganzen doch eher negativen Sachen: Am Ende von jedem Spiel wurde von den Coaches der jeweils anderen Mannschaft der MVP (Most Valuable Player) des Spiels gekürt.

World Games
Für die Abschlusszeremonie der World Championship und der gleichzeitigen Eröffnungszeremonie der World Games hat sich der FIIC etwas Nettes ausgedacht. Hierzu wurde eine kleine Kathedrale, die direkt am College angebaut ist, hergerichtet. Das Catering hat derselbe Caterer wie bei der Eröffnung der World Championship übernommen, diesmal jedoch mit einer vollen Mahlzeit und einen Getränkestand wie zuvor. Die Teilnehmer wurden sieben Mannschaften zugelost.

Das Turnier bestand aus einer Vorrunde, in der jeder gegen jeden gespielt hat. Danach gab es Finalspiele um die endgültigen Platzierungen. Ungewöhnlich war die Lösung für die Plätze fünf bis sieben. Es wurden sechs Minispiele a zehn Minuten, jeden gegen jeden mit Hin- und Rückspiel, gespielt. Die Platzierungen ergaben sich dann aus der resultierenden Tabelle.

Spielerisch haben mich die World Games wieder mehr an das Intercrosse erinnert, wie wir es spielen. Auch wenn die Spieler immer noch gewinnen wollten, kam es nicht zu einem gewinnen wollen um jeden Preis, so dass wesentlich entspanntere, faire und schöne Spiele gespielt wurden.

Als diesjährige Aktion sind wir zum Waterrafting gefahren, wo wir in fünf Boote aufgeteilt wurden. Anschließend gab es in einem Park am Fluss „deutsches Essen“ aus einem Foodtruck. Das Ambiente und die Idee waren sehr schön, auch wenn in Kanada unter deutschem Essen irgendwie etwas anderes verstanden wird als bei uns. Lecker war es auf jeden Fall.

Die Abschlusszeremonie fand dieses Jahr auf dem Turm des Olympiastadions statt, erneut mit Caterer und Getränkeverkauf. Die Zeremonie wurde für das Finale der Weltmeisterschaft für Feuerwerkskunst unterbrochen, worauf man vom Turm aus eine sehr gute Sicht hatte. Nach der Zeremonie hatte ich das Gefühl, dass nach der Woche voller Sport und Aktion ein wenig die Luft raus war und habe mich relativ früh zurückgezogen.

Insgesamt war es für mich eine sehr schöne und ereignisreiche Woche, wenn man von den typischen Problemen des Jetlags absieht. Ich freue mich jetzt schon auf die nächsten World Games, wo auch immer diese stattfinden werden.

Ein Gastbeitrag von Philipp Ruckdeschel (siehe Titelbild)

Titelbild: Birk Berger
Fotogalerie und Veranstaltungsposter: Bildrechte liegen bei den Organistoren der FIIC World Championships

Links: http://www.intercrosse.cahttps://www.facebook.com/montreal2016

Dieser Artikel wurde am 23. August 2016 veröffentlicht.
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